Perfektionismus – für Frauen ein Muss?

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Wenn ich so auf meinem imaginären Sofa sitze und mir die Menschen betrachte, die an mir vorbeigehen, dann fällt mir auf, dass viele Frauen ein starkes Bedürfnis nach Perfektionismus ausstrahlen.

Beispielsweise die Mama, die den neuesten Kinderwagen vor sich herschiebt, dabei das Baby mit den neuesten Modetrends ausstaffiert hat und selbst eine kunstvoll perfekt sitzende Frisur trägt.

Oder das Girly, das ihre Kleidungswahl exakt an den aktuellen Trend angepasst hat und natürlich ihren Freundinnen in nichts nachstehen darf. Dabei darf natürlich auch die kreative Kunst des Schminkens nicht zu kurz kommen.

Auch die Freundin eines jungen smarten Herren scheint sich in Perfektionismus zu üben. Sie Hat sich sehr schick gemacht für ihren Freund. Der Rock bedeckt kaum die Hüften und die Schuhe zaubern Beine bis in den Himmel. Sie lacht wenn er lacht, sie nickt artig, wenn er sie etwas fragt und sie hält sich dezent im Hintergrund als ihr Freund ein paar Kumpels trifft. Sie macht ihren Job wirklich gut.

Das hat mich veranlasst mir Gedanken zu machen, warum das wohl so ist. Ich habe mich auf die Suche nach einer Definition für Perfektionismus gemacht und bei Wikipedia folgendes gefunden:
„Perfektionismus ist allgemein das Streben nach Perfektion.“ Aha.

Wikipedia geht noch einen Schritt weiter uns setzt Perfektion mit Vollkommenheit gleich. „Vollkommenheit bezeichnet einen Zustand, der sich nicht noch weiter verbessern lässt. Vollkommen nimmt dabei eine Mehrfachbedeutung an: einerseits im Sinne von Makellosigkeit (lateinisch integritas), also ein von Beschädigungen freier Zustand, andererseits im Sinne von zum Vollen kommen bzw. Vollendung (lat. perfectio), also als finales Ergebnis einer abschließbaren Serie von Verbesserungen als absolute innere Zweckmäßigkeit. Gemein ist diesen beiden Bedeutungen der Kontext von Unübertrefflichkeit – der makellose bzw. vollendete Zustand ist jeweils ein Maximum des jeweils Erreichbaren – hierin erinnert er an das Begriffsfeld Ideal.“

Erstaunlich finde ich, dass sich das Bild der vollkommenen (perfekten) Frau in den einzelnen Epochen sehr stark unterscheidet. In der Zeit des Malers Peter Paul Rubens (1577-1640 – Barockschönheiten) galt die weibliche Leibesfülle als Zeichen für Sinnlichkeit, Wohlstand und Lebensfreude.
Waren in den 50er Jahren noch kurvenreiche Marilyn-Monroe-Figuren mit Brigitte-Bardot-Schmollmund gefragt, so setzte kurz danach die super dünne, kindhafte Twiggy mit Kurzhaarfrisur und riesigen Hungeraugen neue Akzente. Erstmals machte die „Krankheit“ Cellulite die Runde. Kaum hatten sich die Frauen die Haare abgeschnitten, kam in den Siebzigern ein romantischer Frauentyp mit Wallehaare in Mode. Ein paar Jahre später wurden die Haare wieder abgeschnitten und die Frauen sollten nicht mehr verspielt, sondern emanzipiert erscheinen. Langbeinig, hochgewachsen und ein mittelgroßer fester Busen waren das Maß aller Dinge. Wenige Jahre danach sollten die Frauen nicht nur schlank, sondern auch noch muskulös sein. Cellulite wurde zum Problem – weibliche Hüften galten als „dick“.
Zu Beginn der neunziger Jahre wurden große Brüste und schlanke Taillen modern. Doch wie machen, wenn die eigene biologische Anlage keine großen Brüste vorgesehen hat? Die Schönheitschirurgie trat ihren Siegeszug an. Von der Frau von heute wird gleich ein komplettes Rundumwohlfühlpaket verlangt: schlank, durchtrainiert, nicht zu männlich, sexy, weiblich, tolle Brüste, tolle Haare, gutes Modebewusstsein und niemals so alt aussehen wie sie ist.

Margaret Minker (Autorin) schreibt in ihrem Buch „Selbstwert statt Marktwert“:

Schönheitsideale sind nur dann etwas wert, wenn sie für die allermeisten praktisch unerreichbar sind.

So ist der Gang zum Schönheitschirurgen heute fast schon alltäglich und selbstverständlich.

Ein Körper nach Maß – makellos, vollkommen, unübertrefflich – einfach: perfekt.

Doch wozu das Ganze? Warum tun sich Frauen diesen „Wahnsinn“ an? Zählt denn nur der Körper?
Dazu lest ihr mehr in meinem Artikel „Perfektionismus – für Frauen ein Muss? (Teil 2)“
erscheint bald

Was ist mit Selbstwert, Selbstliebe und Individualität?
Dazu lest ihr mehr in meinem Artikel „Perfektionismus – nicht nur für Frauen ein Thema“
erscheint bald

Quellenangabe:
http://de.wikipedia.org/wiki/Perfektionismus_%28Psychologie%29
http://de.wikipedia.org/wiki/Vollkommenheit
Margaret Minker, Selbstwert statt Marktwert – sich schön fühlen und selbstbewusster werden, GU-Verlag 3-7742-2594-X

Der Leierkastenmann

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Von meinem imaginären Sofa aus kann ich eine wunderbare kleine Melodie hören.
Ich bin neugierig und schaue mich um, woher diese wohl kommen mag.
Ein schrullig wirkender älterer Herr steht am Eck einer Losbude und dreht gedankenversunken an seiner Drehorgel.

Ein nostalgisches und romantisches Bild, wie er so da steht in seinem fadenscheinigen braunen Cordjacket, seinem lichten Silberhaar und seinen Fältchen um den Augen.

Ich sehe mich um und entdecke erstaunt, dass sich niemand für diesen Herren mit seinem kunstvoll bemalten Leierkasten zu interessieren scheint. Eine leise Traurigkeit überkommt mich. Dieser Mann weckt Kindheitserinnerungen in mir. Er berührt mein Herz an einer Stelle, die ich schon längst vergessen glaubte. Ich sehe mich, wie ich mit leuchtenden Augen an der Hand meiner Großmutter über den Rummel geschlendert bin. Mit meinen gerade mal 3 Jahren und meinem geblümten Rüschchenkleid – einen rosa Stoffhasen im Arm. Wie verzaubert stand ich damals wie heute vor diesem alten Mann mit seiner Drehorgel. Die Zeit scheint wie zurückgedreht…

Plötzlich rempelt mich ein vorbei rennender Junge an und reißt mich aus meinen Gedanken. Jäh komme ich in die Realität zurück und bemerke, dass mich der Drehorgelmann sehr freundlich anlächelt. „Na wo warst du denn mit deinen Gedanken?“, fragt er mich mit seiner rauen, tiefen und sehr warmen Stimme. Ich erzähle ihm spontan die Geschichte von mir, meiner Oma und dem Rummel damals. „Leider kann ich mit meiner Oma nicht mehr über den Rummel schlendern. Sie ist mittlerweile 89 Jahre alt und läuft nicht mehr so gut.“

Der Alte nickt verständnisvoll und sagt etwas zu mir, was mich auf lange Zeit begleiten wird: „Die Zeit vergeht sehr schnell. Viel zu schnell. Heute bemerken wir es gar nicht, weil wir so in unserer Hektik und unserem Umtrieb gefangen sind. Schau dir die Menschen an, die hier alle vorbei rennen. Sie alle hetzen dem Konsum und der Oberflächlichkeit hinterher. An was können und wollen sie sich später erinnern? An ihren größten Alkoholrausch und dem damit verbundenen Tanz auf dem Biertisch? An den doppelten Überschlag im Megaturbo-Fahrgeschäft? An fettige Currywurst? Möglich – aber eher unwahrscheinlich.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns für immer in der Erinnerung bleiben. Und genau deshalb stehe ich hier. Inmitten dieser ganzen großen, lauten, bunten Elektronikwelt. Ich bin für die Menschen da, wenn sie mich sehen und hören wollen. Ich bin für sie da, wenn sie träumen und sich verzaubern lassen wollen. So wie du mich gesehen hast und geträumt hast. Ich danke dir sehr dafür, dass du mich bemerkt hast, denn du hast mir heute wieder gezeigt, dass es richtig und wichtig ist, dass ich hier stehe.“

Ich kann nicht anders und umarme diesen liebenswerten alten Herren. Er hat mir heute so viel mehr gegeben, als das Spiel auf seiner Orgel: Er hat mir wieder den Blick auf das Wesentliche, das wirklich Wichtige in unserem Leben geöffnet. Und er hat mein Herz berührt.

Ich werde ihn nie vergessen – den Leierkastenmann und seine Botschaft.

(Text und Idee by rummelplatzsofa)