Der Leierkastenmann

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Von meinem imaginären Sofa aus kann ich eine wunderbare kleine Melodie hören.
Ich bin neugierig und schaue mich um, woher diese wohl kommen mag.
Ein schrullig wirkender älterer Herr steht am Eck einer Losbude und dreht gedankenversunken an seiner Drehorgel.

Ein nostalgisches und romantisches Bild, wie er so da steht in seinem fadenscheinigen braunen Cordjacket, seinem lichten Silberhaar und seinen Fältchen um den Augen.

Ich sehe mich um und entdecke erstaunt, dass sich niemand für diesen Herren mit seinem kunstvoll bemalten Leierkasten zu interessieren scheint. Eine leise Traurigkeit überkommt mich. Dieser Mann weckt Kindheitserinnerungen in mir. Er berührt mein Herz an einer Stelle, die ich schon längst vergessen glaubte. Ich sehe mich, wie ich mit leuchtenden Augen an der Hand meiner Großmutter über den Rummel geschlendert bin. Mit meinen gerade mal 3 Jahren und meinem geblümten Rüschchenkleid – einen rosa Stoffhasen im Arm. Wie verzaubert stand ich damals wie heute vor diesem alten Mann mit seiner Drehorgel. Die Zeit scheint wie zurückgedreht…

Plötzlich rempelt mich ein vorbei rennender Junge an und reißt mich aus meinen Gedanken. Jäh komme ich in die Realität zurück und bemerke, dass mich der Drehorgelmann sehr freundlich anlächelt. „Na wo warst du denn mit deinen Gedanken?“, fragt er mich mit seiner rauen, tiefen und sehr warmen Stimme. Ich erzähle ihm spontan die Geschichte von mir, meiner Oma und dem Rummel damals. „Leider kann ich mit meiner Oma nicht mehr über den Rummel schlendern. Sie ist mittlerweile 89 Jahre alt und läuft nicht mehr so gut.“

Der Alte nickt verständnisvoll und sagt etwas zu mir, was mich auf lange Zeit begleiten wird: „Die Zeit vergeht sehr schnell. Viel zu schnell. Heute bemerken wir es gar nicht, weil wir so in unserer Hektik und unserem Umtrieb gefangen sind. Schau dir die Menschen an, die hier alle vorbei rennen. Sie alle hetzen dem Konsum und der Oberflächlichkeit hinterher. An was können und wollen sie sich später erinnern? An ihren größten Alkoholrausch und dem damit verbundenen Tanz auf dem Biertisch? An den doppelten Überschlag im Megaturbo-Fahrgeschäft? An fettige Currywurst? Möglich – aber eher unwahrscheinlich.

Es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns für immer in der Erinnerung bleiben. Und genau deshalb stehe ich hier. Inmitten dieser ganzen großen, lauten, bunten Elektronikwelt. Ich bin für die Menschen da, wenn sie mich sehen und hören wollen. Ich bin für sie da, wenn sie träumen und sich verzaubern lassen wollen. So wie du mich gesehen hast und geträumt hast. Ich danke dir sehr dafür, dass du mich bemerkt hast, denn du hast mir heute wieder gezeigt, dass es richtig und wichtig ist, dass ich hier stehe.“

Ich kann nicht anders und umarme diesen liebenswerten alten Herren. Er hat mir heute so viel mehr gegeben, als das Spiel auf seiner Orgel: Er hat mir wieder den Blick auf das Wesentliche, das wirklich Wichtige in unserem Leben geöffnet. Und er hat mein Herz berührt.

Ich werde ihn nie vergessen – den Leierkastenmann und seine Botschaft.

(Text und Idee by rummelplatzsofa)

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